Vom Verliebtsein zur Liebe: Nicht ohne dich selbst

A scale with a glowing heart on one side and a miniature modern house on the other

Ich habe überlegt, ob ich dem Text, der jetzt folgt, die Überschrift „Liebesbrief“ gebe. Seien wir gespannt, ob es den Titel alternativ möglich macht. Wie meistens, bauen sich meine Texte aus dem Schreibfluss heraus auf und ich habe mir keine Notizen bereitgelegt. Ich habe lange nichts geschrieben. Und wenn ich so darüber nachdenke, fließt direkt die erste Träne über mein Gesicht. Es macht mich etwas traurig, dass mir das nicht gelungen ist. Ja, dass ich nicht „drangeblieben“ bin. Wohlmöglich habe ich sogar nach einer größeren Blaupause den Gedanken, das hier zu machen, komplett verworfen. War es doch letztes Jahr um diese Zeit mein großer Wunsch, hier wenigstens alle zwei Wochen etwas zu schreiben. „Jennifer´s Weekly“ – na klar, wöchentlich! Neben meinem trockenen Bürojob, wo ich Fördermittel verwalte, wollte ich meinem Leben etwas mehr Kreativität und Menschlichkeit geben, indem ich nicht nur für mich selbst schreibe, sondern vielleicht sogar andere regelmäßig mit meinen Gedanken erreiche. Das kennt wohl auch jeder: Vorsätze fassen, Vorsätze verwerfen. Anfangen, aufhören. Erfolg, Misserfolg. Und dann fängt das ganze Spiel von vorne an. Stoßen wir an auf letztes Silvester! Es liegt fast 4 Monate zurück und wir können die zuletzt gefassten Vorsätze für das Jahr 2026 getrost auch schon wieder loslassen.

Das meine ich natürlich sarkastisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich Neues nicht am Feuerwerk des Jahreswechsels festmache. Das Feuerwerk kann knallen und knistern. Innerlich knistert das ganze Jahr über etwas in mir, auch wenn andere mir sagen, ich strahle Ruhe aus. – Ist innerer Stillstand überhaupt noch für irgendjemanden möglich in der „heutigen Zeit“ der Cortisol-Überflutung? Cortisol ist unser Stresshormon, über das mir ausgerechnet im Social Media ständig Beiträge angezeigt werden. (Bestimmt lasse ich mich zu späterem Zeitpunkt mal wieder zu einem Blog über Smartphones und ihre Wirkung hinreißen.) Manchmal ist gar nicht klar: Genieße ich das flackernde Licht oder brauche ich den Feuerlöscher? Die weitere Frage ist – wenn ich schon ständig mit Wunderkerzen im Kopf unterwegs bin – worauf setze ich meinen Fokus. Welchen Funken schenke ich meine Aufmerksamkeit. Welche Bedeutung gebe ich den Strahlen? Und was mache ich damit? Diese Fragen arbeiten in mir. Und bei all der Informationsflut finde ich, sollten wir uns alle diese Fragen stellen. Beneidenswert ist der, der abschalten kann und seine Glückshormone genießt, ohne dass er sich vorher darüber Gedanken gemacht hat. Ich kann das eigentlich. Wie gesagt, eigentlich. Mache ich mir zu viele Gedanken? Ich könnte auf einen Schlag fünf Menschen aufzählen, die sagen würden: „Jenni, du denkst zu viel nach!“

Manchmal sind es Familienmitglieder, die mich gedanklich sehr einnehmen, dann unsere Gesellschaft, dann wieder mein berufliches Fortkommen… In den letzten Monaten merke ich, wie stark in mir die Liebe arbeitet. Eva-Maria Zurhorst sagte einmal: „Die Liebe geht dahin, wo die Gedanken sind – nicht umgekehrt.“  Das erkenne ich. Meine Liebe ist dort, wo meine Gedanken immer wieder sind. Vor einem Jahr, das weiß ich, war ich ganz intensiv bei mir. Ich war innerlich angekommen in einem reifen Ich, das endlich wusste, wer es ist, was es kann und was es wollte. Ich fühlte mich sehr wohl mit mir, mit meinem Ich. Die Liebe war vor allem bei mir (mein Kind eingeschlossen). Genau zu diesem Zeitpunkt – ich hatte den Gedanken Partnerschaft gerade erst losgelassen – zog ich einen Mann in mein Leben, der genau dieses Ich von mir wollte. Wir verliebten uns wie es im Buche steht und – um es vorwegzunehmen: ich kann sagen, wenn ich ihn anschaue, habe ich weiterhin das Gefühl in mir, mit ihm will ich zusammen sein und alles schaffen! Er soll in meinem Leben als Partner bleiben. Aber machen wir uns nichts vor: Die Liebe durchläuft Phasen… Aus Adrenalin wird Oxytocin, aus der Verliebtheit wird Liebe. Mal ist sie leicht, mal ist sie schwer. Für manche endet sie, wenn sie im Streitstrudel landen und keinen anderen Weg mehr sehen als abzutauchen. Jedoch ist Liebe für mich neben dem Gefühl auch zu einer inneren Haltung geworden, zu einer Entscheidung: Will ich genau diesem Menschen geben, was er braucht und möchte ich von ihm annehmen, was ich brauche. Steigt man hier aus dem Geben und Nehmen aus, gibt es sicher immer gute Gründe – oder schlechte, die man finden kann. Man kann aber auch jeden Tag das sehen, was einen verbindet. Wohlwollend und milde können wir uns als Frau und Mann begegnen, wenn uns an die andere Seele vieles bindet, das man nicht loslassen möchte.

Bloß genau in diesem Spannungsfeld der „milden Haltung“ in der Liebespartnerschaft passiert es oft – ganz einfach und nebenbei, ja fast selbstverständlich – dass man sein eigenes Ich, das man sich manchmal wirklich hart erarbeitet hat, aber in das sich der andere auch unsterblich verliebt hat, vernachlässigt. – Ich wollte erst schreiben „verliert“. Verlieren wäre aber durchaus dramatisch nach nur 1 Jahr. Den Titel Dramaqueen möchte ich mit 40 Lebensjahren nicht mehr leben und deshalb versuche ich entspannt darauf zu schauen, ob ich hier nun davon schreibe, dass man sich selbst in Partnerschaften oft nicht mehr sieht. Ich stelle immer wieder fest, dass es nicht nur mir so geht: Gerade Frauen haben das starke Grundbedürfnis nach Verbundenheit, emotionaler Stabilität und Tiefe. Schneller als man sich versieht, findet man sich gegenüber seinem Partner in der Rolle der Mutter oder Therapeutin wieder. Männer haben in ihrer reifen Variante Lust auf Richtung vorgeben und Verantwortung übernehmen. Passt man nicht auf, kann auch der Mann schnell in einer übermächtigen Rolle sein, die Frau sich nie als Partner gewünscht hat.

Ich habe mich in den letzten Jahren hin und wieder mit den typisch weiblichen und typisch männlichen Energien beschäftigt. Ohne hier eine Feminismus-Debatte eröffnen zu wollen, habe ich für mich selbst herausgefunden, dass ich zwar auch die typisch männlichen Bereiche, wie Rationalität, Aktivsein und Entscheiden, als Frau auslebe. Aber innerliche Ruhe, Glück und Entspannung geben mir die typisch weiblichen Merkmale, wie Empfangen, Detailgestaltung, Harmonie, mit der Natur verbunden sein. Genau an diesem Punkt war ich vor einem Jahr, als ich wusste, ich bin ganz im Reinen mit mir selbst und bereit, mich – Achtung, Spiri-Alarm – mich selbst zu verschenken, ohne eben eine Gegenleistung zu erwarten. Ohne philosophische Gedanken über die Liebe machen das glückliche Paare ganz bestimmt aus einer Natürlichkeit heraus. Sie müssen darüber nicht nachdenken. Ich sage bewusst glückliche Paare, denn kleine Gesten des Sich-Selbst-Verschenkens sind immer erst dann ein Konflikt-Thema, wenn es an anderer Stelle so ist, dass Bedürfnisse nicht gehört und nicht gesehen werden. Wir wollen doch alle nur gehört und gesehen werden. Wir wollen, dass der Partner oder die Partnerin uns sieht und hört und versteht. Wir sind aber eben auch in dieser Liebespartnerschaft, weil die Entscheidung für die Liebe uns das Gefühl gibt, alles mit diesem Menschen zusammen erleben und gestalten zu wollen. Das Leben soll gemeinsam stattfinden. Was wir nicht gemeinsam machen, darüber wollen wir uns doch mindestens mit Worten austauschen. Oder?

Was ich also mit Vernachlässigung meine: Mich beschäftigt der Gedanke, wie man auch mit der Liebe zu dem Partner es schafft, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Schaffe ich es, in den richtigen Momenten bei mir selbst zu bleiben? Mache ich weiterhin das, was mich selbst glücklich macht? Rede ich über das, was mir wichtig ist? „Gemeinsam einsam“ ist doch die schlimmste Form der Partnerschaft, die ich mir vorstellen kann.

Machen wir uns nichts vor: Natürlich heißt Liebe auch Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Kompromiss. Man muss eine Partnerschaft (oder auch „Familie“) auch wirtschaftlich betrachten: Sie braucht echte Zeit und braucht echte Investitionen. Vor allem, wenn wir uns emotional in die Themen des Partners involvieren, bringen wir enorme Energie auf, die wir im Singledasein für uns allein beanspruchten. Hatte ich vorher nur meine gute oder schlechte Laune, die mich durch den Tag getragen hat, fühle ich mich als Frau oft auch für die Laune der anderen verantwortlich. Vor allem als Frau will man sich eine harmonische Atmosphäre schaffen. Alles soll beredet werden, jeder soll gehört werden und am Ende kommt bestenfalls jeder auf seine Kosten, keiner kommt zu kurz. Innerlich und äußerlich gehen wir mit uns selbst ins Gericht, damit die innere Richterin das System Partnerschaft und/oder Familie reibungslos funktionieren lässt. Wir investieren nicht nur Emotionen, sondern auch Arbeit. Wir planen die Termine im Alltag, wir überlegen uns Freuden fürs Wochenende. Wir putzen, waschen, räumen den Kindern hinterher. Wir lernen mit ihnen, fahren sie zu ihren Hobbies. Wir legen sie ins Bett, fahren sie zum Arzt, gehen zu den Elternabenden, begleiten sie zu Veranstaltungen. Wir überlegen uns Geschenke und kaufen ein. Nebenbei wollen wir unsere Figur halten und gepflegt aussehen. Dafür braucht es Sport, Frisör und manchmal Kosmetiktermine. Wenn es um interessante Gespräche geht, sollten wir auch nachrichtentechnisch up-to-date sein. Nicht zu vergessen: 40h Vollzeitjob und gesunde Mahlzeiten zu jeder Tageszeit! – Der richterliche Hammerschlag trifft all diese Aspekte eines Systems, denen man in einer Partnerschaft standhalten muss. So „aufgeklärt“, wie viele Frauen über ihre Rolle und die Erwartungen an sie heute sind, kommen wir nicht drumherum, uns zu fragen, was alles das auch mit Liebe zu tun hat!

Die Liebe für den Partner braucht auch die Liebe für sich selbst. Vergiss dich nicht. Erinnere dich und andere an das, was dir wichtig ist. Verschenke dich, aber bleib dir selbst treu und nimm dir die Zeit für alles, was du brauchst, um im seelischen Gleichgewicht zu sein. Wenn du dich selbst beobachtest und feststellst, dass sich deine Prioritäten aus der Liebe heraus verschieben, weg von dir selbst hin zu den Gefühlen und Bedürfnissen der anderen aus Partnerschaft oder Familie, dann musst du dich fragen, ob du dich selbst gleichwertig ins Gespräch bringst. Du vernachlässigst dich, wenn du dich für Liebe entscheidest ohne auch weiterhin die Person im Blick zu behalten, in die sich dein Partner einst verliebt hat. Das war nämlich diejenige, die weiß, wer sie ist, was sie kann und was sie wert ist. Vergisst du dich, wird aus Liebe Unzufriedenheit, nicht nur bei dir, sondern auch bei deinem Partner. Bestimmt scheitern viele Beziehungen daran, dass sich die Blase der „Überanpassung“ irgendwann in Luft auflöst. Entscheide dich täglich neu für die Liebe zu deinem Partner und gleichzeitig für die Liebe in dir, die immer bleibt. Ich bin überzeugt davon, dass Liebe auf beiden Seiten immer heißt, gemeinsam zu wachsen. – Du weißt nicht, wie das funktionieren soll? Ich habe noch kein Geheimrezept gefunden. Aber wenn es soweit ist, werde ich es alle wissen lassen. Ich vermute aber, es dreht sich alles um Kommunikation. Wenn ihr nicht reden wollt, findet das Gespräch dort statt, wo ihr nichts mehr mitzureden habt. Die Liebe endet da, wo du dir nichts mehr zu sagen hast. Also redet – respektvoll und ehrlich.

PS: Das ist wohl ein Liebesbrief, denn ich habe immer noch so viel zu sagen.

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