„Ich versteh´die Welt nicht mehr!“ Und was Heimat damit zu tun hat

Nachdem ich die vergangene Woche kaum damit hinterherkam, mir die aktuellen Meldungen abzuspeichern und in irgendeiner Form zu verarbeiten, stehe ich vor der Frage, wie man nur all das, was sich abspielt, formulieren kann, ohne dass die, die das hier lesen, denken: „Lass mich bloß in Ruhe mit dem P-Wort! Das ist mir viel zu viel.“

Ich gebe ja zu: Mir selbst ist es zu viel. Ein Zuviel an Nachrichten, ein Zuviel an Katastrophen, ein Zuviel an Gefühlen und Sorgen, die damit verbunden sein können. Ich kann jeden verstehen, der eine ablehnende und verweigernde Haltung einnimmt, wenn es um das P-Wort geht. Ich denke bei Nachrichten oft: „Möchte ich das hören? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich möchte nicht, dass das ist. Nehme ich das jetzt nur zur Kennntnis? Und weiter geht´s!?“ – Ich will mich schließlich auch nicht mit Gedanken befassen müssen, die meine bisherige Welt gefährden. Ich möchte weiterhin komfortabel wohnen, möchte weiterhin speisen und trinken, was es immer gab, und ich möchte auch nicht auf die Bespaßungen verzichten, die meinen Alltag erheitern.

Auf gar keinen Fall werde ich mich mit einem Weniger von allem anfreunden! Wo kommen wir hin, wenn ausgerechnet ich anfange. Also ich werde weiterhin ins Flugzeug steigen, nur um am anderen Ende Europas im Sonnenstuhl den Cocktail zu genießen. Ich werde keine Angst haben, dass wir nächsten Sommer das Wasser nur noch als Überflutung sehen, aber das eigene Trinken aus dem Notversorgungsbehältern kommt – und noch vielbedeutender: Ich sinniere nicht darüber, ob wir in Zukunft überhaupt noch in Sicherheit und Freiheit die Straßen betreten können.

Jetzt mal im Ernst: Precht brachte es in einer der letzten Podcast-Folgen mit Markus Lanz wieder auf den Punkt: „Wenn du Schattenseiten und Verluste durch eine Entwicklung thematisierst, bist du entweder alt oder rechts.“ – Wow, das ist mal eine Erkenntnis. Wie ich dazu stehe: Okay! Dann ist es halt so. Ich thematisiere es und nehme in Kauf, als alt oder rechts bezeichnet zu werden.

Eine gravierende Veränderung folgt der nächsten. Nicht nur die technische Entwicklung ist schneller als der normale Mensch sie verstehen kann. Nicht nur die Natur und die Umwelt verändern sich schneller als das Quecksilber im Thermometer. Auch das Zwischenmenschliche hat sich in den letzten Jahren durch sämtliche Bildschirmgeräte mehr denn je verändert. Jeder spürt es, jeder sieht es. Und wenn wir ehrlich sind: Manchmal stehen wir doch in Situationen, wo wir uns fragen: Was mache ich eigentlich hier oder ist das nur ein schlechter Traum? Darüber sprechen kann man kaum. Denn was ist schon in Worten auszudrücken, was man einfach nicht versteht.

Wir suchen nach Sicherheit. Wir suchen nach Erklärungen. Wir brauchen Geborgenheit. Wir brauchen das Vertraute. Was neu ist, soll alt werden, soll austauschbar sein. Was sich öffnet, soll sich schließen, soll sich öffnen. Was ich einmal kenne, soll bleiben. Der Mensch will nicht Resilienz (ein Modewort, das ich schon länger nicht mehr hören kann), wir brauchen Kohärenz. Das heißt Zusammenhalt, Zusammenhang und logische Verknüpfungen. Mit Kohärenz kann ich was anfangen: Daran erinnere ich mich aus meiner idyllischen Kindheit, in der die Kinder aus der Nachbarschaft noch zusammen im Sandkasten hockten, im Dorf Verstecken spielten und jeden Mittwoch Family Frost den Mischa-Bären als Eis vorbeibrachte. Man kannte sich, seine Mitmenschen, die Umgebung und die Ereignisse. Wir lebten das Zusammensein und wussten, was logischerweise regelmäßig passieren würde. Und genau in diesem Leben, wo alles so vertraut schien, schlugen wir nicht nur unsere Wurzeln, sondern entwickelten auch unsere Blüten und trugen Früchte, die mehr oder weniger absehbar waren. – Der Mensch braucht Heimat.

Ich kenne keinen Menschen, der nicht irgendeinen Ort der Welt Heimat nennt. Selbst wenn dieser Ort so nicht mehr existiert, wie er mal war. Am Ort der Heimat fühlen wir uns sicher, teilen wir gemeinsame Werte und wir sind dort handlungsfähig. Wir bewegen uns frei und wissen doch, wo unsere Grenzen sind. Man stimmt sich aufeinander ab und wir wissen, worauf wir uns verlassen können. Jeder darf sein, wie er ist, und werden, was er möchte. Nur die Heimat solltest du lieber nicht verlassen. Denn dann wirst du immer diejenige sein, die dorthin regelmäßig zurückkehrt, um alle anderen wiederzusehen. Besuch in der Fremde ist nur eher ein Wunschgedanke für alle, die dauerhaft von dort weggegangen sind, wo sie Heimat hatten. Das Gefühl von Heimat wünsche ich mir, seitdem ich denken kann, nicht nur für das, was gerade um mich herum ist, sondern aus tiefstem Herzen irgendwie für alle – nämlich auch dort, wohin sie dann irgendwann einmal gezogen sind.

Mir ist es nicht egal, dass in Österreich ein junger Mensch in die Schule rennt und willkürlich Kinder und Lehrer erschießt. Das ist nicht Heimat. Ich kann nicht ignorieren, dass Flugzeuge mit hunderten Menschen abstürzen und Dörfer unter Wasser und Erde begraben werden. Das ist nicht Heimat. Ich kann nicht akzeptieren, dass Menschen und Städte weggebombt werden, nur weil sie anderer Religion sind. Das ist nicht Heimat. Ich möchte nicht glauben, dass die Leute in unserem Land gegen Völkermord und Krieg demonstrieren und dabei selbst zu Tätern werden. Das ist nicht Heimat. Es macht mich sogar wütend, dass die Deutsche Bahn das Platzreservieren für Familien einfach um ein Vielfaches teurer macht. Solche Entscheidungen haben keine Berechtigung getroffen zu werden, weder in Deutschland noch in der Welt. Gegen Kinder sein ist nicht Heimat.

Heimat findet nicht nur neben dir statt, Heimat ist in deinem Herzen. Und wenn du dir das, was du mit Heimat verbindest, wünschst, dann fühle jedes Mal in dich hinein, wenn du Dinge hörst oder liest, die du lieber meiden möchtest. Passt das zu dem, was für dich einen Wert darstellt? Ist es das passende Verhalten oder die richtige Entscheidung für das, was dir wichtig ist? Gibt es logische Zusammenhänge, die sich auf dein Gefühl von Heimat positiv auswirken? Gibt es dir Sicherheit, Zusammenhalt und Sinn, wenn das passiert?

Wenn ich auf Themen schaue, die mit den Kriegen u.a. in Ukraine, Gaza, Israel, Iran zu tun haben, mit Militär, mit Atom, mit Rohstoffen, mit Flucht… aber auch mit der zunehmenden Steuerung der Menschheit durch die digitale Welt, dann frage ich mich: In welcher Heimat wollen die leben, die all das zu verantworten haben. Wollen sie die Steinzeit zurück? Oder reden wir hier von echtem Fortschritt? Ein Fortschritt, der Heimat besser macht?! Mehr Sicherheit durch mehr Zusammenhalt, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit? – Und wem kann ich eigentlich vertrauen, dass er das Heimatgefühl noch in seinem Herzen trägt.

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