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  • Beziehungskonflikte verstehen: Warum Mediation helfen kann

    Beziehungskonflikte verstehen: Warum Mediation helfen kann

    Mein Hals und meine Augen fühlen sich warm an, gerade so, dass ich zwar weinen könnte aber auch noch hin und hergerissen bin, ob ich es ein weiteres Mal zulasse, die Traurigkeit fließen zu lassen. Ich entscheide mich dagegen.

    Heute schreibe ich wahrlich nicht, um gesellschaftskritisch oder satirisch zu sein; viel mehr aus einer tiefen Enttäuschung heraus, dass es wohlmöglich nicht nur reicht, immer wieder zu reden, zu reden und nochmals zu reden. Ich erfahre gerade, wie es ist, wenn man an seine persönliche Grenze der zumutbaren Gespräche stößt. Eine Grenze, wo man denkt: Es ist doch eigentlich alles gesagt, um zu verstehen. Und doch begleitet von unzähligen Fragen: Bin ich in meiner Art und Weise, mit meinem Partner in Kommunikation zu treten, überhaupt immer wieder zumutbar? Ist das, was ich als Antworten und Reaktionen bekomme, mir noch zumutbar? Wieviel Konflikt ist normal? Wieviel Lösung darf ich erwarten? Welche Ansprüche an gute Kommunikation sollte jeder haben? Welche Fragen darf ich stellen? Welche Annahmen über den anderen darf ich treffen, ohne zu fragen? Was ist ein Vorwurf? Wann gibst du deine Verantwortung an andere ab? Welche Aussagen sind respektvoll, wo fängt Abwertung an? Kommunizierst du so, wie du selbst angesprochen werden möchtest? Hast du Standards und Werte, oder machst du es nur „irgendwie“?

    Ja, irgendwie kommen wir alle durch das Beziehungsleben. „Irgendwie“ bekommen wir alle hin. Ich mache da mal was. Ich sag´ da mal was. Das geht schon. Eben irgendwie, irgendwo, irgendwann. Und ehe man sich versieht, sind Jahre vergangen, in denen „es halt so ging“. Während viele Paare recht unbewusst vor sich hin kommunizieren, schaffen es einige, oft mit nötiger Sensibilität und echtem Bewusstsein ihre Worte zu wählen. Ob diese glücklicher miteinander sind? Ich weiß es nicht. Die meisten wollen das Alleinsein nicht. Oft strebt man nach Harmonie, Einigkeit, Gemeinsamkeiten. Vor allem in der Beziehung soll es doch „passen“. Es soll einfach funktionieren. Oft werden dann Konflikte vermieden. Man steckt ein, schluckt herunter, wartet ab, hofft auf die nächste Chance. Man sagt sich lange, „Ach, so schlimm war es doch nicht.“ Ich sollte nicht so anspruchsvoll sein, das ist normal, anderen geht es auch so. Du passt dich an die Wellen an und surfst das Leben, wie der Wind dich treibt. Vielleicht vergisst du, dass du eine Wahl hast, z.B. bei welchem Wetter du aufs Wasser gehst und an welchem Strand du surfen möchtest. Im Konflikt: Da hat man das Brett lieber vor dem Kopf, statt unter den Füßen. Und wenn die Konfliktwellen nicht vermieden werden, dann geht es immerhin um den Krampf, doch unbeschwert wieder ans Ufer zu kommen.

    Vielleicht bist auch du schon einmal an einer Weichenstellung in deiner Liebesbeziehung angekommen, wo du das Gefühl hast: Entweder ich sage jetzt mal nichts und lasse das, was passiert ist oder passieren wird, auf mich wirken. Oder ich schalte jemanden von außen dazu, der uns gegenseitig übersetzt. Ich bin in einem Moment der Ratlosigkeit, welche nur so vor Fragezeichen explodieren möchte. Ich möchte am liebsten schreien und all die Emotion herauslassen. Es sind starke Emotionen aus der vermeintlichen Hilflosigkeit heraus. Man setzt all seinen Menschenverstand und das größte Herz ein und trotzdem so hilflos, dass man weiter aneinander vorbei erzählt oder fühlt. Es stellt sich ein Gefühl von Aussichtslosigkeit ein, das nötige Verständnis herstellen zu können. Es fing doch alles so gut an. Es kann viele Jahre gut funktionieren. Und plötzlich fragt man sich: wie kann es nur weitergehen?

    Manchmal braucht es wohl Übersetzer. Denn manchmal sind die Ausgangspositionen, aus denen Menschen in Beziehung treten so unterschiedlich, dass sie jeweils auf einer anderen Seite der Kommunikation unterwegs sind. Jeder, der mal irgendwann an einer Kommunikationsschulung teilgenommen hat, kennt die 4 Seiten der Kommunikation. Ich muss zugeben, bis zu meiner Mediationsausbildung, die ich letztes Jahr angefangen habe und dieses Jahr beende, habe ich das 4-Seiten-Modell etwas verdrängt. Es scheint ja doch sehr theoretisch, ist nicht mit den Augen zu sehen. Und doch bestimmt es unser tägliches Miteinander. Aber was meint es eigentlich? Es sagt, dass Menschen im Gespräch: 1. eine Sache/Beobachtung benennen, 2. immer etwas von sich selbst preisgeben, 3. zeigen, wie sie zu der Person stehen und 4. ausdrücken, was sie gerade brauchen oder erwarten. Im normalen Alltag passieren diese vier Elemente einfach automatisch. Wir denken nicht darüber nach. Es fügt sich. Auf Aktion folgt Reaktion. Eine Frage bekommt eine Antwort.

    Ich habe das Gefühl, im Konflikt aber verschiebt sich der Fokus oft auf nur eine Seite der Kommunikation, vielleicht häufig auf den Appell (was ich vom Gegenüber möchte) und alles andere rückt zu stark in den Hintergrund. Hier ein Beispiel aus gelebter Patchwork-Beziehung, mit dem Versuch, Paarurlaub mit Blick auf die Umgangszeiten der Kinder mit den anderen Elternteilen zu planen:

    KommunikationsebeneSIEER
    1. SacheIch kann faktisch nur in den Ferien Urlaub mit meinem Partner machen.Ich könnte theoretisch jede zweite Woche Urlaub mit ihr machen.
    2. SelbstpreisgabeIch habe das Bedürfnis, mit meinem Partner, ohne die Kinder Urlaub zu machen.Ich habe das Bedürfnis, mit ihr Paarurlaub zu machen. Wichtig sind mir aber …
    3. BeziehungEr ist mir wichtig. Ich bin bereit, Ferienzeit für ihn zu investieren.Sie ist mir wichtig. Ich möchte mit ihr als Partnerin am liebsten immer Urlaub machen, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen.
    4. AppellBitte plane Urlaub in den Ferien mit mir.Bitte plane Urlaub außerhalb der Ferien mit mir.

    Wer die Ebenen im Beispiel liest, kann vielleicht Sie und Ihn verstehen. Na klar haben beide Perspektiven ihre Berechtigung. Beide Menschen kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in das Gespräch. Und Überraschung: Das ist Leben und das darf so sein! Wer sich gerade wiedererkennt mit seinen eigenen kleinen Beziehungskonflikten, darf sich an dieser Stelle einmal in den Arm nehmen – und im Menschsein willkommen heißen. 🙂

    Was mich nun so ratlos stimmt? Wenn ich mich schon bemühe und an allen vier Ebenen ansetze und glaube, diese ganz klar, verständlich und nachvollziehbar auszusprechen – nein, nicht nur anzudeuten über Mimik und Gestik, sondern diese sogar ausspreche – wenn dann mit meinem Partner kein Konsens zustande kommt, was tue ich dann? Muss ich akzeptieren, dass kein Konsens da ist? Muss ich es aushalten? Muss ich damit rechnen, dass in ähnlichen Situationen das gleiche passiert und wir beide dann wieder unzufrieden auf den Zustand schauen?

    Was bei Paaren in solchen Momenten dann oft passiert, sind Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Aggression, Beschimpfungen, Rückzug, Angst, Kurzschlussreaktionen. Es kommt zu Entscheidungen, die nicht nur unbefriedigend für beide Partner sind, sondern auch tieftraurig machen können. Es kann zu Verletzungen kommen, die die Beziehung manchmal nachhaltig gestört zurücklassen. Man kann sich als Versager oder Versagerin fühlen, als Opfer oder als empathieloser Täter. All das kommt vor, wenn Menschen nicht mehr zuzumuten ist, eine Situation beizubehalten, in der einfach kein Konsens möglich erscheint.

    Viele wählen schließlich den getrennten Weg – sei es innerhalb der Beziehung (aneinander vorbei leben) oder indem sie ihre Partnerschaft auflösen. Das erscheint mir der einfache Weg zu sein, um seine Ruhe zu haben. Aber es kann auch bedeuten, nie vollwertig gelebt und geliebt zu haben.

    Ich wäre nicht ich – eine Mediatorin immer mit dem besten Glauben an das menschliche Miteinander – wenn ich befürworten würde, dass man sich seinem selbstgewählten „Schicksal“ hingibt. Man sollte sich nie mit Halbherzigkeiten abfinden und seine Wünsche nie für ein „geht so“ aufgeben. Es gibt Wege, dass es besser wird! Neuer Mut und neue Zuversicht kommen manchmal erstaunlich schnell und überraschend. So habe ich zum Beispiel gestern ein Interview mit Svenja Flaßpöhler gehört. Sie ist Philosophin und Autorin. Ihr neues Buch trägt den Titel: „Zusammenbleiben“. Darin geht es vor allem darum, darzustellen, warum Konflikte kein Trennungsgrund sein müssen. Sie spricht von Freiwilligkeit, von Intimität, von einer Grundpassung füreinander und: der Chance, an Konflikten gemeinsam zu wachsen! Was es braucht, sind schließlich ein Wohlwollen, eine bewusste Entscheidung für das Gegenüber und die Bereitschaft, Konfliktfähigkeit zu üben. – Warum man sich Konflikte zumuten sollte in einer Zeit, wo Singlesein u.ä. doch irgendwie Trend sind? Der beste Grund ist ganz sicher der Wert des Menschen, der da sein möchte und für den man sich entschieden hat. Für alle anderen Aspekte des Zusammenseins werde ich mir das Buch kaufen und mich weiter von Flaßpöhler inspirieren lassen. 😊

    Für alle, die allein nicht weiterkommen und neue Impulse für neue Handlungsoptionen im Miteinander suchen: Eine Mediation (Konfliktmoderation) bietet einen geschützten Raum, in dem eine neutrale Person zuhört, die beide Seiten verstehen möchte und das Gespräch strukturiert und ruhig mit allen Beteiligten gleichwertig führt. Alles darf im Rahmen der Vertraulichkeit ausgesprochen werden. Gemeinsam schaut man auf Themen, Interessen, Bedürfnisse und schließlich Lösungsoptionen. Mediation unterscheidet sich von Therapie und Beratung, indem alle Seiten der Konfliktentstehung, alle Seiten der Kommunikation angeschaut werden. System und Ressourcen spielen eine wichtige Rolle. Dabei gibt es keine Ratschläge durch die Mediatorin, aber eben auch keine Therapieansätze aus der Psychologie. Mediation ist allparteilich und nach meiner Auffassung pragmatisch. Ja, auch eine Mediation kann eine Zumutung sein. Aber oft rücken zwei Menschen näher zusammen, wenn eine dritte Person mitredet.

    Mit all meinen eigenen Erfahrungen möchte ich als Mediatorin für soziale Handlungsfelder auf Basis meiner professionellen Ausbildung anderen Paaren und Familien gern helfen, ihre Themen nachhaltig zu klären.